Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen seine Würde zu nehmen.

In den letzten Tagen wurde in der Presse wieder häufiger von einer Frau berichtet, die eigentlich schon von meinem Radar verschwunden war.
Gina-Lisa Lohfink. Mittlerweile findet man auf diversen Plattformen Artikel über das Sex-Video, in dem sie mit zwei Männern zu sehen ist. Es wurde schon 2012 veröffentlicht, allerdings war das mediale Interesse damals nicht so hoch. Denn inzwischen ist der Fall vor Gericht. Es geht um Vergewaltigung und die Frage nach Opfer und Täter. Es geht um Wahrheit und Schutz.

Journalisten, die das ganze Video gesehen haben, berichten von Szenen, die in keinster Weise an einen inszenierten PR Gag denken lassen. In der Welt liest man beispielsweise „Aber in diesem Film wirkt sie wie ausgewechselt. Merkwürdig abwesend, nein, abwehrend. Sie liegt auf einer Couch, dreht den Kopf zur Seite und wiederholt immer dieselben Worte: „Hör auf!“
Was sagen uns diese Worte? Merkwürdig, wie ausgewechselt, abwesend, abwehrend. Und das immer wieder zitierte „Hör auf!“.
Es ist vollkommen egal, was für ein Bild man von Gina-Lisa Lohfink hat. Es ist irrelevant, wie sie sich in der Öffentlichkeit gibt, kleidet, was sie sagt und mit was für Szenen sie bisher auf sich aufmerksam gemacht hat. Bei dieser Sache ist sie ein Opfer. Ein Opfer, dass für seine Rechte einstehen will und kämpft. Für sich und für alle Menschen, die ähnliche Situationen erlebt haben. Sie steht mutig für eigentlich selbstverständliche Rechte ein und erntet dafür einen nicht enden wollenden Medienrummel, mit hässlichen Kommentaren, verurteilenden Worten und einer Erniedrigung ihrer Person.
In den wenigsten Artikeln der großen deutschen Presse wird Solidarität gezeigt. Stattdessen wird wahlweise versucht, möglichst sachlich über die Vorfälle zu berichten – wozu natürlich auch der öffentliche Zusammenbruch im Gerichtsgebäude gehört – oder sie wird zu einem Klischee des „wasserstoffblonden Busensternchens“, dass sich einmal bei GNTM versucht hat.
„Sie hat ja vorher schon solche Videos gedreht, da soll sie sich jetzt nicht so anstellen.“
„Wer sich so präsentiert, ist selbst Schuld.“
Hör auf! Das sollte ein klares Indiz sein und doch steht jetzt das Opfer vor der Anklagebank und soll eine hohe Geldstrafe wegen Falschaussage zahlen. Und ich sage bewusst Opfer, denn nichts anderes war sie in dieser Situation und ist sie jetzt, wo das Recht in unserem ach so liberalen Staat, eine misshandelte Frau nicht schützt. Was ist ein Mensch noch wert, wenn er erniedrigt, gedemütigt und misshandelt werden kann, um anschließend in den Dreck getreten zu werden.
Schon vor längerer Zeit wurde über eine mögliche Überarbeitung des deutschen Sexualstrafrechts diskutiert. Ein verbal ausgesprochenes Nein sollte ein eindeutiges Zeichen sein, dass die Person keiner sexuellen Handlung zustimmt. Alles was danach passiert, gilt dann als Vergewaltigung.
Es wurde nicht durchgesetzt.
Eine vergewaltigte Person muss sich körperlich wehren, damit von einer Vergewaltigung gesprochen werden kann. Ist dies nicht ersichtlich, aufgrund optischer Indizien, gilt sie als Lügnerin.
Das Gesetz ist vollkommen auf das Opfer fokussiert und natürlich gilt in unserem Rechtsstaat, dass der Angeklagte frei ist solange seine Schuld nicht bewiesen wurde. Aber in diesem Fall ist klar, dass es sich nicht um einvernehmlichen Sex handelt. Dass die Frau sich zwar nicht aktiv wehren kann wehrt, aber doch mehrmals hörbar sagt, dass die Dinge gegen ihren Willen geschehen.

Es wird häufig von der Gefahr gesprochen, dass Männer schnell zu Unrecht verurteilt werden können, wenn es keine eindeutigen Beweise gibt. Diese Angst verstehe ich, aber es impliziert, dass Frauen von vornherein dazu neigen, in diesem Fall zu ihrem eigenen Vorteil zu handeln und die Männer deshalb stärker geschützt werden müssen. Es soll hier gar nicht um die Geschlechterfrage gehen, aber doch sind es immer wieder Frauen, die verurteilt werden. Frauen zeigen sich in Musikvideos zu aufreizend. Frauen spielen mit den Männern, in dem sie ihre Sexualität einsetzen. Frauen müssen vermeiden, nachts alleine durch die Straßen zu gehen. Frauen sollten sich nicht zu weiblich kleiden, wenn sie ernst genommen werden wollen. Väter verbieten ihren Töchtern, bestimmte Kleidungsstücke zu tragen, Partner wollen nicht, dass andere Männer ihre Freundinnen anstarren und finden, dass sie dieses eine Top nur zuhause tragen sollte. Frauen verurteilen andere Frauen für wechselnde Affären. Und gibt es überhaupt etwas zwischen prüde und schlampig?
Hat irgendjemand schon mal Channing Tatum vorgeworfen, dass er sich zu billig gibt, weil er öffentlich von seiner Karriere als Stripper berichtet und mittlerweile zwei Filme zu dem Thema gedreht hat? Interessiert es irgendjemandem, wie tief ausgeschnitten Justin Biebers Shirts sind, oder dass die Boxershorts des Nachbarn zu sehen ist, weil seine Jeans fast unterm Hintern hängt?
Wo ist der Unterschied? Warum werden Frauen so viel häufiger sexualisiert als Männer? Was ist falsch daran, gerne eine Frau zu sein und dies auch zu zeigen? Nur weil ich schon mehrere Männer vor dir hatte, heißt das nicht, dass ich mich nur kurz ziere, oder mich unter Wert verkaufe. ICH bestimme über das, was ich will. ICH entscheide, wer mich wann wie berühren darf und nur ICH muss mich im Spiegel anschauen können.

Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen seine Würde zu nehmen.

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