Gelesen: Winternähe – Mirna Funk

Winternähe ist der 2015 erschienene Debütroman der Autorin Mirna Funk und hat mich nachhaltig beeindruckt. Durch Zufall bin ich auf den Roman gestoßen. Ich habe irgendwann ein Interview mit der Autorin gelesen und den Roman danach auf meine Wunschliste gesetzt.

Handlung
Die Protagonistin Lola ist Fotografin und lebt in Ost-Berlin. Sie ist das Kind einer nicht-jüdischen Mutter und eines jüdischen Vaters. Lola selbst fühlt sich als Jüdin, da sie von ihren Großeltern väterlicherseits aufgezogen wurde. Nach dem orthodoxen Judentum jedoch gilt sie nicht als solche, denn die jüdische Religionszugehörigkeit wird über die mütterliche Linie weitergegeben. Dieser Umstand wird im Buch an einigen Stellen näher thematisiert und von verschiedenen Sichtweisen beleuchtet. Lola fühlt sich innerlich zerrissen und identitätslos. Nicht nur, dass sie Schwierigkeiten hat, durch ihren Glauben ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Gleichzeitig belastet sie die schwierige Beziehung zu ihren Eltern.
Schließlich entscheidet Lola sich, ihrem israelischen Freund Shlomo nach Tel Aviv zu folgen. Dort spielt der zweite Teil des Romans. Es ist Juli 2014 und Ausbruch des Gaza Kriegs. Der Konflikt, der in Deutschland so weit weg schien, ist plötzlich direkt vor ihrer Haustür. Tagsüber wirft Lola sich in die Euphorie ihrer Verliebtheit zu Shlomo und nachts hört sie Bomben fallen.
In Tel Aviv beginnt Lola damit, Antworten auf die Frage zu finden, wer sie wirklich ist und versucht, den Kontakt zu ihrem Vater wieder aufleben zu lassen. Im Laufe der Geschichte entfernt sich Lola somit immer mehr von ihrem eigentlichen Lebensmittelpunkt Berlin und arbeitet sich zu ihren Wurzeln vor.

Thematik
Gleich zu Beginn des Romans wird Antisemitismus thematisiert. Dieser tritt in einer latenten Form auf und scheint gesellschaftlich akzeptiert zu sein.
Lola wähnt sich in einem fortschrittlichen Milieu, fühlt sich jedoch immer mehr von antisemitischen Angriffen betroffen. Nicht nur Bekannte, auch Kollegen und sogar Freunde äußern zweifelhafte Kommentare und relativieren den Holocaust. So sind beispielsweise die „geldgierigen Juden“ Schuld daran, dass die Mieten in Berlin steigen. Oder es wird der Holocaust mit der Palästina-Politik verglichen. Gleichzeitig empfinden die Menschen um Lola herum das ständige Erinnern an die deutsche Vergangenheit als anstrengend und überholt.
Für Lola ist diese Weigerung der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit fast unbegreiflich.

Für euch ist das alles gefühlte dreihundert Jahre her. Warum aber ist das alles für mich gerade erst passiert? […] Warum bin ich mein ganzes Leben mit diesen Geschichten groß geworden, von Menschen, die überlebt haben, von Menschen, die ihre gesamte Familie verloren haben, und ihr nicht? […] Ich kann dir sagen, warum. Weil eure Großeltern nicht reden! Weil sie euch nichts erzählt haben. Zum Beispiel, wie es so war als SS-Offizier oder warum sie Hitler gewählt haben. Wie sie dabei zuschauten, als ihre Nachbarn abgeholt wurden, oder wie sie die verdammten Leichen aufeinandergestapelt haben. Ihr seid alle mit Großeltern aufgewachsen, die geschwiegen haben, und deshalb glaubt ihr, dass das alles Schnee von gestern ist.

Es ist wahr, dass inzwischen außerhalb des Klassenraums wenig über den Holocaust gesprochen wird. Kaum jemand hat noch lebende Verwandte, die während des zweiten Weltkriegs gelebt haben. Vieles wird zudem in deutschen Familien totgeschwiegen. Und trotzdem ist da bei so vielen ein unbewusstes Gefühl von Schuld. Ein Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen und das unangenehme Eingeständnis, dass wir nicht wissen wollen, welche Rolle unsere Großeltern oder Urgroßeltern zu dieser Zeit gespielt haben. Wir differenzieren ganz klar zwischen heute und damals.

Ich war letztes Jahr im Herbst in Krakau und war im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz, sowie in Birkenau. Das, was wir dort gesehen haben, können Worte kaum beschreiben.
Man liest Zahlen getöteter, vergaster, verhungerter, gefolterter Menschen. Man hört eine Zahl toter Kinder, aber erst dort bekommen diese Zahlen eine Größe. Man kann sie ins Verhältnis setzen und das lässt den Atem stocken.
Besonders Birkenau, mit seiner riesigen, weiten Fläche und dem Zaun, den man aus Filmen kennt, lässt einen ganz still werden. Es sind Ausmaße eines Schreckens, die man sich sonst nicht vorstellen kann. In dieser Hinsicht kann ich verstehen, warum Lola, beziehungsweise die Autorin der Meinung sind, dass wir nicht vergessen sollten. Nicht relativieren und es als Vergangenheit abhaken. Man sollte nie aufhören, sich vor Augen zu führen, wie schnell sich Dinge verselbstständigen können und zu was für Taten Menschen fähig sind.

Fazit
Obwohl die Protagonistin Lola vor ihrem Leben in Berlin flüchtet, beschreibt die Autorin keine schwache Persönlichkeit. Im Gegenteil. Lola wirkt stark, in ihrer Meinung gefestigt und teilweise auch sehr exzentrisch und egoistisch. Das alles macht es sehr interessant, ihrer Geschichte zu folgen. Gleichzeitig war es an einigen Stellen aber sehr anstrengend Lolas Gedanken oder Handlungen nachzuvollziehen. Teilweise ging sie mir sogar ein bisschen auf die Nerven und sie ist definitiv keine Buchfigur, die ich in mein Herz geschlossen habe. Hervorzuheben ist ganz klar der Anstoß, sich als Leser Gedanken über Antisemitismus in Deutschland und das Leben in Tel Aviv zu machen. Für mich ist das Buch ganz klar eine Leseempfehlung.

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Bildquelle

Informationen zum Buch: Gebundene Ausgabe: 352 Seiten ||Verlag: S. FISCHER (23. Juli 2015) || ISBN: 978-3-10-002419-0 || Preis: 19,99 €

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3 Kommentare zu „Gelesen: Winternähe – Mirna Funk

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