Veränderung

Vor kurzem hatte ich ein langes Gespräch mit einer Freundin, in der es darum ging, wie sich unser Charakter durch verschiedene Einflüsse entwickelt hat.
Wir ärgern uns beide darüber, dass wir als Menschen viel Wert darauflegen, was andere von uns denken, und dass wir das gerne ändern würden. Ich kann es absolut nicht ausstehen, wenn andere Menschen vorschnell verurteilt werden und versuche in der Hinsicht auch sehr offen zu sein. Deshalb ist es so lächerlich, dass ich selbst so stark davon abhängig bin, was andere von mir halten könnten.
Zu einem Teil hängt es natürlich von unserer genetischen Veranlagung ab, wer wir sind aber zusätzlich wird der Charakter durch äußere Einflüsse geprägt, nachhaltig durch unsere Erziehung.

Meine Freundin und ich dachten also darüber nach, wie wir erzogen worden sind, beziehungsweise was uns daneben noch stark geprägt hat. Neben unseren Eltern, Großeltern und Geschwistern sind es auf jeden Fall die Grundschuljahre, sowie die ersten Jahre auf der weiterführenden Schule gewesen. Durch mein Elternhaus wurde ich zu einem ruhigen Kind erzogen, dass Regeln einhält, dem Ehrlichkeit wichtig ist und dass niemandem schaden will. Die Grundschule hat mir Freude am Lernen vermittelt und meinen Drang zur Ehrlichkeit und zur Regelbefolgung verstärkt. Dadurch wurden die ersten Jahre auf der weiterführenden Schule für mich sehr schwierig, denn hier galt ich dann als zu brav und damit langweilig. Außerdem wollte ich nicht mobben oder über andere Kinder lachen, wurde damit aber selbst zu einer Ausgestoßenen. Ich musste mich also irgendwie anpassen um schlussendlich zu einer Clique zu gehören. Das alles hat bei mir zu einer tief sitzenden Verunsicherung geführt, sowie einer starken Abhängigkeit von der Anerkennung anderer.
Im Nachhinein macht es mich wütend, dass ich mich nicht aktiv zur Wehr gesetzt habe und eine gewisse „Scheiß drauf“ Haltung entwickelt habe um meinen Prinzipien treu zu bleiben.
Der Gedanke, für sich selber einzustehen, hat mir in meiner Erziehung gefehlt. Ich mache meinen Eltern damit keinen Vorwurf, denn ich habe viel Liebe erfahren und musste nie einem Leistungsideal hinterherrennen, aber gerade weil ich so brav und ruhig war, haben sie es vielleicht nicht für nötig empfunden, mir beizubringen, kein Mitläufer zu sein. Ich bin schließlich nicht aus der Masse herausgestochen und habe nicht angeeckt.

Der Prozess des Lernens besteht aber lebenslang und gerade in den letzten fünf Jahren habe ich mich persönlich stark weiterentwickelt. Ich habe zum Teil andere Prinzipien als meine Eltern und stehe für meine Meinung ein. Nie wieder würde ich mich selbst „verraten“ um zu einer Gruppe dazu zu gehören und meinem jüngeren Ich würde ich gerne sagen, dass es sich auch so sehr gut leben lässt. Aber immer noch sitzt da diese tiefe Verunsicherung, die ich nicht loswerde und die immer mal wieder ausbricht. Es stört mich enorm und ich muss immer wieder aktiv dagegen ankämpfen. Manchmal habe ich Angst, dass ich mich vielleicht nie ganz davon lösen kann, weil die Prägung einfach zu stark war. Aber das Leben ist noch lang und ich habe noch viel Zeit mein Selbst immer wieder neu zu finden. Zeit, stärker und gelassener zu werden.

f36a3d2d22d13ee19b372863deda9490
Bildquelle: Pinterest

Wir sind schließlich zu dem Schluss gekommen, dass die erste Charakterformung durch die Familie, Lehrer und Freunde erfolgt und die zweite von uns selbst ausgeht.
Dieser Gedanke hat für mich nichts mit dem Optimierungswahn zu ton, der gerade durch Social Media tobt. Aber offen für seine Umwelt zu sein und nicht auf starren Verhaltensmustern zu bestehen, ist mir sehr wichtig. Das Leben bietet viele Erfahrungen und wir selbst haben es in der Hand, wie wir uns weiterentwickeln und zu was für einem Menschen wir noch werden.

Wie schon Friedrich Nietzsche passend bemerkte:

„Eine Schlange, die sich nicht häutet, stirbt.“

9b791ce0995e1a4345b751f3cd6dcdfa
Bildquelle: Pinterest
Advertisements