Gelesen: Rechnung offen – Inger-Maria Mahlke

INHALT

Die Handlung spielt in einem Mietshaus in Berlin-Neuköln mit einer bunten Mischung aus Hausbewohnern. Da gibt es die an Alzheimer erkrankte Rentnerin Elsa, die in ihren Erinnerungen der Nachkriegszeit lebt, Ebba, die Tochter des Hausbesitzers, die ihren Eltern einen nicht erreichten Abschluss vorgaukelt, die alleinerziehende Mutter Manuela mit ihrem Sohn Lucas, die ihr Geld als Domina verdient, Nicolai, der Enkel der alten Dame, der sie wahrscheinlich nur wegen der Geldscheine besucht, die sie im zusteckt und eine Gruppe von afrikanischen Drogendealern, die ohne Heizung leben. Und schließlich auch Claas, der Hausbesitzer selbst, der aufgrund seiner Kaufsucht einen Haufen Schulden angehäuft hat und deshalb von seiner Frau aus der Charlottenburger Nobelwohnung rausgeworfen wird. Eine offene Rechnung haben alle, finanziell, mit einer anderen Person, dem Leben oder sich selbst.

MEINE MEINUNG

Als ich den Roman in die Hand genommen habe, hatte ich hohe Erwartungen. „Ein diagnostisches Zeitbild – eine große Parabel über die Abgründe des Lebens am Rande unserer gentrifizierten Welt“ war eine Beschreibung, die mein Interesse geweckt hat. Die Sprache wurde von der Presse in den höchsten Tönen gelobt.
Hohe Erwartungen sind nie gut und tatsächlich habe ich nach den ersten Kapiteln überlegt, das Buch abzubrechen. Die Autorin beschreibt Parallelgeschichten, deren Zusammenhang zwar zum Teil erkennbar, die aber trotzdem nicht auf einen gemeinsamen Punkt hinzulaufen schienen. Ich konnte keine Verbindung zu den Figuren aufbauen und hatte Schwierigkeiten in den Sprachstil reinzufinden. Der Satzbau ist lang, manchmal ungewohnt und entspricht nicht dem Stil eines Standard-Romans. Auch die Erzählperspektive wechselt manchmal. Das verwirrte. Schließlich habe ich mich aber darauf eingelassen, mich konzentriert, aufmerksamer gelesen. Nicht mehr abends vor dem Einschlafen, sondern ganz bewusst und fokussiert.

Und dann hat die Geschichte einen Sog entwickelt, hat mich der Schreibstil fasziniert. Es ist ein hohes literarisches Niveau und entspricht eben nicht dem klassischen Bestseller-Roman. Es war nicht mehr wichtig, ob ich eine Beziehung zu den Figuren aufbauen konnte, denn was diesen Roman ausmacht, ist die messerscharfe Beobachtung. Die Autorin konzentriert sich nicht auf das Gefühlsleben der Figuren, stattdessen agiert sie wie eine Zuschauerin, notiert Details, schafft eine dichte Atmosphäre. Es wird nie etwas erklärt und trotzdem kann man das Handeln, das Gefühlsleben der Figuren nachvollziehen. Nichts an diesem Buch ist klischeehaft (und das kann schnell passieren, wenn über die Gesellschaft und dann auch noch am Schauplatz Berlin geschrieben wird…).

„Sie hatte reglos gelegen, das Laken unter ihr nass, das andere, das als Bettdecke diente, zusammengeknüllt am Fußende. Sie hatte es von ihren Beinen geschüttelt, mit den Sohlen dort hinabgetreten. Hatte auf dem Rücken gelegen, nackt, kein Luftzug auf ihren Schenkeln, ihrem Bauch, ihren Brüsten. Hatte gefühlt, wie ihre Hände sich zusammenzogen, die Fingernägel Halbmonde in ihre Hand pressten, den Kopf von der Tür abgewandt. Hatte die Augen geschlossen, wenn es still war, die Nägel tiefer gegraben, wenn Lela wieder anfing. Hatte es mit dem Kopfkissen versucht, eine Gesichtshälfte in die Matratze gedrückt, auf der anderen das Kissen. Der Schweiß war über ihre Wangen gelaufen, zu den Nasenflügeln, sie hatte ihn mit dem Handgelenk abgewischt, hatte das Kopfkissen auf die Erde geworfen, war zu träge gewesen, es wieder aufzuheben.“ (Seite 98)

Gerade zu Beginn ist es nicht ganz einfach, der Geschichte zu folgen, denn die Erzählung springt zwischen den verschiedenen Figuren in diversen Situationen hin und her. Der Roman ist fordernd und sicher nicht für jeden etwas. Ich würde dafür keine uneingeschränkte Empfehlung abgeben. Man muss sich darauf einlassen können und wollen. Die Beobachtungen sind präzise genau, kalt, schonungslos und teilweise deprimierend. Trotzdem wurde ich nicht hoffnungslos zurückgelassen. Aber das macht wohl das menschliche Leben aus…

INFORMATIONEN ZUM BUCH

Rechnung offen || Inger-Maria Mahlke || 288 Seiten || Literatur || Berlin Verlag (12. Februar 2013) ||
ISBN: 3827011302 || Preis: 9,99 €

Gelesen: Die beste Depression der Welt – Helene Bockhorst

Inhalt

Nachdem Vera versucht hat, sich umzubringen, ging ihr Blogpost dazu viral. Deshalb soll sie nun einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben. Und ein Buchvertrag war immer ihr Traum! Aber wie soll das klappen, wenn man so müde und antriebslos ist? Vera probiert es mit Meditation, Lach-Yoga, Sex, Koks, gesünderem Essen, dem Kampffisch Karl als Haustier. Aber nichts hilft und inzwischen wird auch ihr Lektor sehr ungeduldig.
Vielleicht ist sie noch nicht depressiv genug, muss stärker in den negativen Gefühlen von damals versinken? Vielleicht ist Vera aber auch einfach nicht die Richtige, um diesen Ratgeber zu schreiben, denn wie man eine Depression überwindet, das weiß Vera selbst nicht…

Meine Meinung

Helene Bockhorst gibt in ihrem Roman einen guten Einblick, wie das Leben mit einer Depression aussehen kann. Sie verharmlost nichts und redet nichts schön, beschreibt schonungslos, dass an manchen Tagen der größte Erfolg ist, sich zu duschen. Vera unternimmt die unterschiedlichsten Dinge, um ihre Depression in den Griff zu bekommen. Es ist amüsant beschrieben, wie lächerlich sie sich beim Lachyoga vorkommt und dass sie das Konzept der Meditation nicht versteht.

In „Die beste Depression der Welt“ wird der Krankheit Depression mit Witz begegnet, dabei kommt aber nie das Gefühl auf, dass diese Krankheit nicht ernst zu nehmen ist. Ganz im Gegenteil. Die Gedankengänge von Vera sind nachvollziehbar und authentisch, vor allem die ewige Prokrastination und die Beschäftigung mit völlig irrelevanten Themen, wenn sie eigentlich schreiben müsste.
Es scheint fast zynisch, wie Vera es kaum schafft, morgens aufzustehen und sich dann selbst dafür fertig macht, dass sie „nicht depressiv genug“ ist (schließlich hat sie das letzte Mal versucht, sich umzubringen).

„Ich denke ein bisschen an das Buch, das ich schreiben muss, um mich zu quälen. Wenn ich länger nicht daran denke, dass ich etwas aufgeschoben habe, ist das irgendwann so weit weg, dass die Angst nachlässt und es sich unwirklich anfühlt. Aber wenn ich mir vor Augen führe, wie der Termin immer näher rückt und wie wenig ich bis jetzt zustande gebracht habe, dann kommt die Angst wieder. Es wäre so toll, wenn ich krank werden könnte. Also mit einer richtigen Krankheit, die Leute respektieren. Es müsste etwas sein, was man sieht, und wo niemand argumentieren kann, man müsse sich nur zusammenreißen.“ (S. 87/88)

Das Buch war leicht und locker zu lesen, ohne den nötigen Tiefgang fehlen zu lassen. Gerade die Beschreibung von Veras Kindheitserinnerungen hat mir gut gefallen und war passend in die Geschichte eingebettet. Insgesamt hat mir der Erzählstil gefallen, lediglich an manchen Stellen war mir der Humor ein bisschen zu aufgesetzt, zu klischeehaft.
Ich kenne die Bühnenperson Helene Bockhorst nicht, kann mir aber vorstellen, dass ihren Fans auch diese Passagen gefallen.

Ob das Buch Menschen mit Depressionen einen Mehrwert bietet, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es schafft Verständnis für diese Krankheit und den Umgang mit psychisch kranken Menschen.

Informationen zum Buch: Hardcover: 320 Seiten || Verlag: Ullstein Buchverlage
(30. März 2020) || ISBN: 9783550200762 || Preis: 20,00 €

Vielen lieben Dank an den Ullstein Verlag für das *Rezensionsexemplar.

Gelesen | Gehört | Gesehen | Entdeckt – April 2020

Gelesen | Gehört | Gesehen | Entdeckt

Ein Auszug aus meinem Monat Mai. Gelesen habe ich vor allem viel für die Uni, weshalb weniger Zeit für private Bücher blieb.

Gelesen |

|| Das Haus der Mädchen von Andreas Winkelmann war für mich leider kein Thriller (wie angegeben), sondern ein Kriminalroman. Das Buch war recht flüssig zu lesen, aber die Story war teilweise sehr unglaubwürdig und die Charaktere häufig klischeehaft überzogen. Hat mir leider gar nicht gefallen und habe es nur beendet weil es in Hamburg spielt und ich die Orte kenne.

|| Schnelles Denken, Langsames Denken von Daniel Kahnemann bietet spannende Erkenntnisse über die Funktionsweise unseres Denkens und Handelns und erklärt, wie wir Entscheidungen treffen. Die Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie und der neuen Erwartungstheorie werden sehr anschaulich und mit persönlichen Anekdoten beschrieben. Absolut empfehlenswert!

|| Da ich mich schon länger vorwiegend pflanzlich ernähre, hat mir das Buch Anständig essen: Ein Selbstversuch von Karen Duve keine neuen Erkenntnisse gebracht. Aber mir hat die ungekünstelte und ehrliche Art gefallen, in der sich die Autorin mit dem Thema „Welche Auswirkungen hat meine Art mich zu ernähren?“ auseinander gesetzt hat.

Gehört |

|| Effie Briest von Theodor Fontane als Hörbuch. Ich habe seit ein paar Jahren eine Liste mit „Büchern, die man gelesen haben sollte“. Dieses ist eines davon. Ich mochte die Geschichte, mit einer für diese Zeit sehr fortschrittlichen Beschreibung der Frauenfigur. Teilweise war die Erzählung aber etwas zäh und ich habe sehr lange gebraucht um das Hörbuch zu beenden.

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|| Blinding Lights – The Weeknd

|| Modern Loneliness – Lauv

|| Dance Monkey – Tones And I

|| I Love You Always Forever – Betty Who

Gesehen |

|| Haus des Geldes (Staffel 4): Nachdem die dritte Staffel mit einem fiesen Cliffhanger geendet hat, musste ich die vierte Staffel nach Erscheinen sofort sehen. Und ich wurde nicht enttäuscht! Diese Staffel hat mich emotional enorm mitgenommen. Manchmal hat die Logik zwar etwas geholpert, aber für mich ist der Handlungsstrang enorm spannend aufgebaut und die Figuren sind mir alle ans Herz gewachsen. Mich unterhält die Serie immer noch sehr gut!

|| Ozark (Staffel 3): Auf diese Staffel habe ich lange und sehnsüchtig gewartet. Die Handlung setzt ein halbes Jahr nach Ende der zweiten Staffel ein und der Fokus der Erzählung, der bisher vor allem auf zwei Familien lag, verschiebt sich zu den einzelnen Protagonisten. Neue Figuren werden eingeführt und bestehende näher beleuchtet und auch die Beziehung zwischen Marty und Wendy bekommt einen starken Fokus. Es gab in dieser Staffel zwar ein paar langatmige Szenen, aber gerade zum Ende hin nimmt die Serie sehr an Tempo auf und die Schauspieler sind grandios (v.a. Tom Pelphrey). Und nachdem das Finale mit einem großen Knall endet, freue ich mich sehr auf eine weitere Staffel.

Entdeckt |

Da ich diesen Monat viel Zeit zuhause verbracht habe, sind Spaziergänge für mich ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Routine geworden. Und bei den täglichen Runden durch die Parks in der Nachbarschaft habe ich festgestellt, wie viel Natur man auch in der Stadt entdecken kann: Wilde Kaninchen, einen Specht, Entenküken und die sich verändernde Schönheit der blühenden Bäume und Wildblumen. Ich will auch zukünftig genauer hinsehen und mich daran erfreuen, wie die Welt um uns herum pulsiert.

Gelesen: Garten, Baby! – Christine Zureich

Mein Elternhaus liegt am Rand von Hamburg, genau an der Elbe. Ich bin zwischen Kuhweiden, Äckern und Teichen groß geworden und war auf einen Bus angewiesen, der nur einmal die Stunde fuhr.
Ich habe es geliebt, so nah an der Natur zu sein, aber spätestens als Teenager wurde die Sehnsucht nach der Stadt, nach einem reichhaltigen Angebot an Kultur- und Freizeitbeschäftigungen und kurzen Wegen groß. Also bin ich in zentrale Lage gezogen und erfreue mich nun an der großstädtischen Anonymität.
Trotzdem war mir ein Park in der Nähe wichtig und das Gefühl, nicht sofort mit Verlassen des Hauses, auf einer vielbefahrenen Straße zu stehen. Denn da ist immer noch das Verlangen nach Natur und Stille. Der Wunsch, an einem kühlen Morgen über nebelverhangene Felder zu spazieren und ganz still und ehrfürchtig stehen zu bleiben und das aufgetauchte Reh zu beobachten.
Urban Gardening ist ein Kompromiss zwischen den Vorzügen der Großstadt und naturnahen Randgebieten. Deshalb hat mich der Roman „Garten, Baby!“ mit seinem wunderschönen Cover auch gleich angesprochen, der mir vom Ullsteinfünf-Verlag zum Vorab Lesen zugeschickt wurde.

 

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Handlung
Das Mittdreißiger-Paar Doro und Rob lebt zwar in der Großstadt, ist der Natur aber sehr verbunden. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn Fred haben Doro und Rob deshalb im Hinterhof ihres Mietshauses ein eigenes Gartenprojekt gestartet. Die ganze Wohngemeinschaft wird in das Projekt eingebunden und zwischen Zucchini Pflanzen und überzüchteten Katzen wird über das Leben philosophiert, Freundschaft geschlossen, geliebt und gestritten.

Thematik
Verschiedene Generationen und Charaktere von Menschen finden in diesem Buch zusammen und in kurzen Kapiteln wird aus ihrem Leben erzählt. Auch wenn die Geschichte aus Sicht von Doro erzählt wird, erfährt man doch viel über die anderen Hausbewohner, die ohne das gemeinsame Gartenprojekt wohl niemals miteinander in Kontakt gekommen wären.
Gerade in großen Mietshäusern ist Anonymität vorherrschend und die meisten Leute wissen nicht mal die Namen ihrer Nachbarn, außer diese nehmen regelmäßig ihre Zalando Pakete an…

Christine Zureich beschreibt, wie es auch anders sein kann. Da wird der alleinerziehenden Mutter geholfen, wenn sie kurzfristig eine Betreuung für ihr Kind braucht. Da bekommt man jeden Beziehungsstreit der Nachbarn mit und nimmt Rücksicht, wenn es mal wieder heftig gescheppert hat. Es wird über die Marotten der alten Frau Dittrich gelacht, die geradezu klischeehaft gelangweilte Rentnerin, für die es nicht spannenderes gibt, als das Leben ihrer Nachbarn.
Durch die kurzen Kapitel werden kleine Geschichten mitten aus dem Leben erzählt, die zwar aufeinander aufbauen, aber doch in sich geschlossene Kurzgeschichten sein könnten. Das macht den Lesefluss sehr angenehm.

Fazit
Ich brauchte einen Moment um in den Schreibstil der Autorin zu finden, der für mich neu und gewöhnungsbedürftig war. Ehrlicherweise war ich bei der Kürze des Romans davon ausgegangen, ihn flüchtig und locker weg lesen zu können. Der Schreibstil erforderte von mir aber doch ein gewisses Maß an Konzentration und Ruhe, um die Wörter ganz auf mich wirken lassen zu können. Dann war das Lesen aber ein Genuss.

Mir hat es sehr gut gefallen, dass durch das Projekt des gemeinsamen Gartens ein Rahmen geschaffen wurde, indem die verschiedenen Protagonisten zusammenkamen. Dadurch wirkte es stimmig, dass diese unterschiedlichen Charaktere so viel miteinander teilen. Es war schön zu lesen, wie die einzelnen Figuren Entwicklungen durchliefen. Bei einigen Situationen musste ich auch schmunzeln, denn gerade die Figur der neugierigen und meckernden Frau Dittrich kommt wohl jedem irgendwie bekannt vor.

Insgesamt hat mich das Buch sehr gut unterhalten und den Traum eines eigenen Gartens wieder größer werden lassen.

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Informationen zum Buch: Gebundene Ausgabe: 176 Seiten || Verlag: Ullstein fünf Verlag  (23. Februar 2018) || ISBN-13: 978396101015 || Preis: 16,00 €

Vielen lieben Dank an den Ullstein fünf Verlag für das *Rezensionsexemplar.

Gelesen: The Girls – Emma Cline

Als erstes fiel mir in der Buchhandlung das Cover auf. Ich las den Klappentext und dachte, die Geschichte würde vom Hippieflair der 60er und einer komplizierten Mädchenfreundschaft handeln. Von einem jugendlichen Ausbruch und dem Erwachsenenwerden. Ich war interessiert, aber nicht überzeugt. Dann las ich irgendwo von einem neuen Buch, welches die Manson Family thematisiert und ich stellte eine Verbindung her. Somit wurde das Buch gekauft und lag dann ewig auf meinem Stapel ungelesener Bücher, viel zu lange.

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Handlung
Als inzwischen erwachsene Frau erzählt die Protagonistin Evie rückblickend von ihren Erlebnissen aus dem Jahr 1969. Zu dieser Zeit ist Evie unglücklich mit sich selbst und ihrem Leben. Sie empfindet sich als durchschnittlich und sehnt sich danach, besonders zu sein. Zudem erhält sie von ihren geschiedenen Eltern kaum Aufmerksamkeit, denn die sind mit ihren eigenen Leben beschäftigt. Als Evie dann auf eine Gruppe junger Frauen trifft, die sie mit ihrer wilden und rätselhaften Art in den Bann schlagen, schließt sie sich dieser Gruppe an.
In einer sektenartigen Gemeinschaft leben die jungen Frauen auf einer verwilderten Ranch. Angeführt werden sie von dem charismatischen Russel, der wie ein Guru das Zentrum der Gruppe bildet und von den Frauen regelrecht umkreist wird. Evie ist fasziniert von der Ranch, einem Ort mit anderen Regeln, viel Sex, Drogen und einem Gefühl von Freiheit. Sie gibt sich diesem Gefühl hin und bemerkt erst viel zu spät, dass diese Gruppe wie ein Strudel ist, durch den sie sich immer weiter von der Realität entfernt und in einen Abgrund hineingezogen wird.

Thematik
Wie bereits angedeutet, ist die Geschichte an die Manson Family angelehnt. Dies war eine sektenartige Gruppierung, rund um den Kommunengründer Charles Manson.
Manson hat seine vorrangig weiblichen Anhänger dazu gebracht, mehrere unschuldige Menschen grausam umzubringen. Er war ein Rassist, der manisch eine neue Weltordnung herbeiführen wollte und dafür junge Frauen zu Mörderinnen machte.
Der Schwerpunkt von „The Girls“ liegt allerdings nicht auf Manson, alias Russel oder den Gräueltaten, die die Gruppe begangen hat. Vielmehr geht es um die Frage, was junge Mädchen dazu bringt, sich einer sektenartigen Gemeinschaft anzuschließen.
Zentraler Charakter neben Evie ist Russels größte Anhängerin Suzanne, eine fanatische junge Frau, die für Russel nicht einmal vor Mord zurückschreckt. Evie ist regelrecht auf Suzanne geprägt und sieht in ihr eine Art Vorbild. Eine Frau, die sich einem Mann wie Russel regelrecht unterwirft und sich von ihm in jeder Hinsicht benutzen lässt.

Das Buch liefert keine genauen Antworten, aber es zeigt, welche Macht die Verführung und das Versprechen von Freiheit hat. Es scheint fast, als würde die Gruppe in einer Parallelwelt leben und alles, was einen in der normalen Welt quält, scheint hier bedeutungslos.
Nach dem Ende der Geschichte bleibt ein leichtes Unwohlsein bei dem Gedanken, wie leicht Menschen zu manipulieren sind. Wie leicht sie vom rechten Weg abkommen, die Kontrolle abgeben und sich vollkommen hingeben, ohne weiter nachzufragen.

Fazit
„The Girls“ zu lesen, war wie ein Rausch. Ich war sofort gefangen, von der bildreichen Sprache, die Emma Cline erschaffen hat. Nicht alle mögen Clines Schreibstil und finden ihn teilweise übertrieben. Ich persönlich war jedoch begeistert von der blumigen Sprache und dem Genuss, der sich dadurch beim Lesen einstellte.

„Die Sonne stach durch die Bäume wie immer – verschlafene Weiden, der über die Picknickdecken fahrende heiße Wind – aber die Vertrautheit des Tages wurde gestört von der Bahn, die die Mädchen durch die normale Welt zogen. Geschmeidig und gedankenlos wie durch das Wasser gleitende Haie.“

(Emma Cline, The Girls, S.8)

Auch die Geschichte konnte mich fesseln, vor allem da sie in Rückblicken erzählt wird und Evie als Erwachsene die damaligen Geschehnisse immer noch aufarbeitet.
Mit „The Girls“ wurde ein vielschichtiges psychologisches Drama über die Abgründe unserer Gesellschaft geschrieben. Neben den Problemen des Erwachsenwerdens geht es um die leichte Beeinflussbarkeit von Menschen. Es ist erschreckend, wie einfach die Verführung stattfindet, wenn Menschen unsicher und enttäuscht von ihrem Leben sind.
Für mich ist „The Girls“ ein sehr lesenswertes Buch, über das ich noch lange nachgedacht habe.

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Bildquelle: Eigene

Informationen zum Buch: Gebundene Ausgabe: 352 Seiten || Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG  (25. Juli 2016) || ISBN: 978-3-446-25268-4 || Preis: 22,00 €