Ein Kommentar zum G20 Gipfel

Am 07. und 08. Juli wird der diesjährige G20 Gipfel in Hamburg stattfinden. Als Bewohner der Hansestadt ist man eher wenig begeistert von dem Gedanken, dass hier die wichtigsten Innenstadt Zonen gesperrt sind. Schon die ganze Woche bemerkt man eine starke Polizeipräsenz an den meisten Bahnhöfen und natürlich im Herzen von Hamburg. Es werden Einschränkungen im alltäglichen Leben befürchtet und zusätzlich herrscht die Angst vor Straßenschlachten.
Natürlich sind das alles legitime Sorgen und sicherlich werden sich die nächsten Tage für viele Hamburger wie eine Zumutung anfühlen, aber man sollte dabei nicht vergessen, was der eigentliche Sinn dieses Gipfels ist. Die einflussreichsten Politiker der Welt werden sich verstärkt den globalen Fragen unserer Zeit widmen. Dazu gehören neben Finanz- und Wirtschaftsfragen natürlich auch Fragen zum Klimaschutz und zu sozialer Gerechtigkeit.

Wie ist darauf zu reagieren, dass sich in der Stadt einige Politiker versammeln, die Menschenrechte mit Füßen treten, die Pressefreiheit in Frage stellen und den Klimawandel leugnen? Gegen diese Politik ein Zeichen setzen zu wollen ist wichtig. Aber es sollte das richtige sein.

Ja! Die Globalisierung ist kritisch zu betrachten.

Ja! Die Legitimität und die Rolle der G20 kann in Frage gestellt werden.

Ja! Man sollte sich über die Politik von Trump, Putin und Erdogan empören.

Aber! Wir müssen uns damit auf verschiedene Weise auseinandersetzen und ohne Gewalt für das einstehen, was uns wichtig ist.
Hamburg sollte sich von einer Seite zeigen, die bunt, vielfältig und friedlich ist. Mit Protesten, die jede Art von Gewalt ablehnen und für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung stehen.
Und am besten nicht nur jetzt, wo wir vor unserer Haustür damit konfrontiert werden, sondern auch zukünftig.

Denn wir besitzen die Freiheit, auf die Straße gehen zu können um Dinge einzufordern.
Demokratie ist unser Grundrecht und sollte nicht zum Ausnahmezustand werden.

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Gelesen: Lauter Fremde! Wie der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht! – Livia Klingl

Klappentext:

Ein Riss geht durch das Land. Auf der einen Seite stehen jene, die für mehr Miteinander, mehr Solidarität, mehr Offenheit eintreten. Auf der anderen jene, die zurück möchten in die „gute, alte Zeit“, als es noch keine Globalisierung gab, keine Flüchtlinge und keine Angst vor sozialem Abstieg. Die Bruchlinien gehen quer durch die Familien, sogar Freundschaften zerbrechen daran. Warum ist heute eine aggressionslose Kommunikation darüber kaum mehr möglich? Warum werden Flüchtlinge zum Sündenbock gestempelt für alles, was schiefläuft in diesem Land? In ihrer Analyse greift Livia Klingl die Vorurteile auf, sortiert sie und zeigt: Die Flüchtlingsfrage ist oft nur eine Ausrede, um sich mit den wirklichen Problemen nicht beschäftigen zu müssen. Mit 21 Menschen hat Livia Klingl Interviews zum Thema Fremdheit und Fremdsein geführt. Entstanden sind 21 Porträts, die zeigen, welch vielfältiges Mosaik unsere Gesellschaft ist.

Ich habe dieses Buch bei einer Lovelybooks Leserunde als kostenloses Exemplar erhalten. Die Thematik hat mich sehr angesprochen und ich war gespannt, was eine ehemalige Krisen- und Kriegsberichterstatterin zu dem Thema „Fremdheit“ beizutragen hat. Ich habe mir von dem Buch neue Aspekte der Flüchtlingskrise erhofft, die meiner Meinung nach nicht an Aktualität verloren hat.

Worum geht es?

Die österreichische Autorin Livia Klingl geht in „Lauter Fremde“ dem Gefühl des Fremd sein nach und analysiert auf nüchterne Weise, woher die Angst vor dem/den Unbekannten kommt und wie unterschiedlich Menschen mit diesem Thema umgehen.
Im ersten Teil des Buches beschreibt die Autorin wie die Flüchtlingskrise unsere Gesellschaft prägt. Sie bringt Beispiele von Hass Postings aus den sozialen Netzwerken, die wir alle in ähnlicher Form schon einmal gelesen haben und die mir persönlich wirklich Angst machen.
Livia Klingl erklärt in klaren und nüchternen Worten, dass uns Dinge nur als bedrohlich erscheinen, weil sie uns nicht vertraut sind. Was der Mensch nicht kennt, ist meistens erst mal negativ. Das kennen wir alle, auch aus dem Alltag.
Gleichzeitig verdeutlicht sie, welch sicheres und wohlhabendes Leben wir führen und dass Menschen fliehen, weil sie sich dieses Leben wünschen. Sie wünschen sich Freiheit, Demokratie und Sicherheit. Sie sind Menschen wie wir, mit dem Unterschied, dass uns ihre Sitten, ihre Sprachen und vielleicht ihr Aussehen und Verhalten (noch) nicht vertraut sind.

Der zweite Teil des Buches besteht aus 21 Portraits von in Österreich lebenden Personen, die ihre Geschichte erzählen. Der Begriff „Fremd“ wird somit ganz unterschiedlich definiert und bringt den Leser dazu, die eigenen Gedanken zu diesem Thema zu reflektieren. Die persönlichen Berichte sind unheimlich interessant und an manchen Stellen auch schwer zu fassen. Ich konnte sie nicht in einem Rutsch durchlesen, sondern musste zwischendurch immer wieder innehalten, um über das Gelesene nachzudenken. Die Portraits sind dabei in einem journalistischen Stil geschrieben.

Meine Gedanken zum Thema

Ich selbst bezeichne mich als einen weltoffenen und sehr toleranten Menschen. Allerdings nicht tolerant gegenüber Menschen, die ich für fremdenfeindlich halte. Dieses Buch hat mir einen anderen Blickwinkel aufgezeigt und dazu geführt, dass ich bei negativen Kommentaren über „die Fremden in unserem Land“ nicht einfach wütend werde, sondern versuche die Gründe für dieses Verhalten und die Angst zu verstehen. Wie die Autorin auf S. 17 ganz treffend schreibt: „Eine indifferente Stellung zu den Fragen der Flüchtlingskrise ist fast nicht mehr möglich, Grautöne fehlen vollkommen im Diskurs, ebenso wie Fachwissen (…)“.
Die Diskussion wird auf beiden Seiten sehr einseitig geführt, was zu einer wachsenden Kluft zwischen den beiden Gruppen führt. Toleranz ist in jeglicher Form wichtig. Ich denke, dass wir alle nur noch in unserer eigenen Blase leben. Wir hören die Meinung, die wir haben, verfolgen Medien mit dieser Meinung und haben Freunde, die so denken wie wir. Wir wundern uns, warum Trump gewählt wurde, denn wir kennen niemanden, der das getan hätte. Wir glauben nicht, dass es in Deutschland starken Rassismus gibt und dann bin ich schockiert, wenn mir eine schwarze Bekannte erzählt, dass sie als Kind im Bus von älteren Jugendlichen auf den Boden getreten wurde.
Unser Miteinander, egal in welcher Form, leidet in der heutigen Zeit enorm und der Fremdenhass wird dadurch nur verstärkt. Es kann nicht nur schwarz und weiß geben. Jeder Mensch ist anders. Verallgemeinerungen und Vorurteile bringen uns in keiner Weise nach vorn. Das muss uns allen klarwerden und dort müssen wir ansetzen. Wir müssen uns verstehen. Nicht nur das Unbekannte aus anderen Ländern, sondern auch das Fremde im eigenen Land. Wir müssen lernen, die Angst zu verstehen, denn nur so können wir sie bekämpfen. Ich denke dafür liefert das Buch einen sehr guten Beitrag.

Ich empfehle es, dass Buch zu lesen. Mir haben die analytische Herangehensweise und das Beleuchten der Thematik aus verschiedenen Perspektiven sehr gefallen. Die Autorin schafft es, nüchtern und doch fesselnd Erklärungen für das Gefühl der Fremdheit zu geben. Der Schreibstil war flüssig zu lesen. Die Portraits zeigen ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Erlebnissen und Meinungen. Dadurch hat sich ein sehr differenziertes Gesamtbild ergeben. Die einzige Schwäche des Buches ist für mich der journalistische Schreibstil bei den einzelnen Portraits. Für mich entstand dadurch eine gewisse Distanz und ich hätte mir eine weniger objektive Beobachtung gewünscht.

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Eigene Darstellung

Informationen zum Buch: Gebundene Ausgabe: 208 Seiten || Verlag: Kremayr & Scheriau (Januar 2017) || ISBN: 978-3-218-01061-0 || Preis: 22,00 €

HH: Refill it – Wegwerfen war gestern

logo-refillitWir kennen es alle. Man ist morgens müde und schlecht gelaunt auf dem Weg zur Arbeit oder Uni und weiß, dass man ohne die nötige Portion Koffein nicht wirklich in den Tag starten kann. Auch ich bin ihn regelmäßig gegangen. Den Weg zum Café an der Ecke um schnell einen großen Milchkaffee zu ordern und diesen dann auf dem Weg zur Vorlesung, in der Übung, oder am Schreibtisch im Büro zu trinken. Jedes Mal gab es einen To Go Becher, der die Hände wärmte und jedesmal wanderte dieser anschließend in den Müll.

Laut „Deutscher Umwelthilfe“ werden in Deutschland 320.000 Einweg-Kaffeebecher pro Stunde verbraucht! Ich musste diesen Satz mehrmals lesen. Es geht hier nicht um einen Monat oder eine Woche. Nein, es ist noch nicht mal die Zahl eines Tages. Es ist die Menge von To-Go Bechern, die nach knapp einer  Stunde in der Tonne landen! Wenn man diese Summe auf das Jahr hochrechnet und dann für die ganze Welt, ist das eine so große Zahl, dass mir fast schlecht wird bei der Vorstellung, was für Müllberge wir damit produzieren.

Ich besitze zwar seit einiger Zeit einen To-Go Becher, den ich mir auf dem Weg befüllen lassen kann. Aber wie es so häufig ist, bleibt das Ding ständig zuhause stehen, ist in den Untiefen einer Tasche verschwunden oder einfach zu unhandlich um immer mitgeschleppt zu werden.
Schande auf mein Haupt, aber viel zu häufig muss ich doch auf die Wegwerf-Plastik-Alternative zurückgreifen.

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Foto: Peter Bauer

Seit dem ersten November hat in Hamburg ein Pilotprojekt gestartet, was sich gegen den Wegwerfwahnsinn und für nachhaltigen Konsum einsetzt. REFILL IT! ist das erste Mehrweg-Pfandbechersystem in Hamburg und will den Müllbergen von Einweg-Kaffeebechern entgegenwirken. Das Konzept dazu stammt vom Kaffee Händler El Rojito und wird inzwischen von zwölf weiteren hamburger Cafés unterstützt.
Der Kunde kauft in einem der teilnehmenden Cafés einen Mehrwegbecher samt Deckel und Mundstück. Entweder behält er nun seinen eigenen Becher und lässt diesen überall neu befüllen, oder er gibt ihn bei einem der Cafés zurück und erhält das Pfandgeld für den Becher. Das Mundstück behält jeder Kunde aus hygienischen Gründen.
Der Gastronom, der den Becher zurückgenommen hat, spült diesen aus und führt ihn anschließend in den Kreislauf zurück.
Ein wirklich tolles und unterstützenswertes Projekt, mit echten Hingucker Bechern!

Weitere Infos hier und auf Facebook.

Titelbild: Julie Nagel

Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen seine Würde zu nehmen.

In den letzten Tagen wurde in der Presse wieder häufiger von einer Frau berichtet, die eigentlich schon von meinem Radar verschwunden war.
Gina-Lisa Lohfink. Mittlerweile findet man auf diversen Plattformen Artikel über das Sex-Video, in dem sie mit zwei Männern zu sehen ist. Es wurde schon 2012 veröffentlicht, allerdings war das mediale Interesse damals nicht so hoch. Denn inzwischen ist der Fall vor Gericht. Es geht um Vergewaltigung und die Frage nach Opfer und Täter. Es geht um Wahrheit und Schutz.

Journalisten, die das ganze Video gesehen haben, berichten von Szenen, die in keinster Weise an einen inszenierten PR Gag denken lassen. In der Welt liest man beispielsweise „Aber in diesem Film wirkt sie wie ausgewechselt. Merkwürdig abwesend, nein, abwehrend. Sie liegt auf einer Couch, dreht den Kopf zur Seite und wiederholt immer dieselben Worte: „Hör auf!“
Was sagen uns diese Worte? Merkwürdig, wie ausgewechselt, abwesend, abwehrend. Und das immer wieder zitierte „Hör auf!“.
Es ist vollkommen egal, was für ein Bild man von Gina-Lisa Lohfink hat. Es ist irrelevant, wie sie sich in der Öffentlichkeit gibt, kleidet, was sie sagt und mit was für Szenen sie bisher auf sich aufmerksam gemacht hat. Bei dieser Sache ist sie ein Opfer. Ein Opfer, dass für seine Rechte einstehen will und kämpft. Für sich und für alle Menschen, die ähnliche Situationen erlebt haben. Sie steht mutig für eigentlich selbstverständliche Rechte ein und erntet dafür einen nicht enden wollenden Medienrummel, mit hässlichen Kommentaren, verurteilenden Worten und einer Erniedrigung ihrer Person.
In den wenigsten Artikeln der großen deutschen Presse wird Solidarität gezeigt. Stattdessen wird wahlweise versucht, möglichst sachlich über die Vorfälle zu berichten – wozu natürlich auch der öffentliche Zusammenbruch im Gerichtsgebäude gehört – oder sie wird zu einem Klischee des „wasserstoffblonden Busensternchens“, dass sich einmal bei GNTM versucht hat.
„Sie hat ja vorher schon solche Videos gedreht, da soll sie sich jetzt nicht so anstellen.“
„Wer sich so präsentiert, ist selbst Schuld.“
Hör auf! Das sollte ein klares Indiz sein und doch steht jetzt das Opfer vor der Anklagebank und soll eine hohe Geldstrafe wegen Falschaussage zahlen. Und ich sage bewusst Opfer, denn nichts anderes war sie in dieser Situation und ist sie jetzt, wo das Recht in unserem ach so liberalen Staat, eine misshandelte Frau nicht schützt. Was ist ein Mensch noch wert, wenn er erniedrigt, gedemütigt und misshandelt werden kann, um anschließend in den Dreck getreten zu werden.
Schon vor längerer Zeit wurde über eine mögliche Überarbeitung des deutschen Sexualstrafrechts diskutiert. Ein verbal ausgesprochenes Nein sollte ein eindeutiges Zeichen sein, dass die Person keiner sexuellen Handlung zustimmt. Alles was danach passiert, gilt dann als Vergewaltigung.
Es wurde nicht durchgesetzt.
Eine vergewaltigte Person muss sich körperlich wehren, damit von einer Vergewaltigung gesprochen werden kann. Ist dies nicht ersichtlich, aufgrund optischer Indizien, gilt sie als Lügnerin.
Das Gesetz ist vollkommen auf das Opfer fokussiert und natürlich gilt in unserem Rechtsstaat, dass der Angeklagte frei ist solange seine Schuld nicht bewiesen wurde. Aber in diesem Fall ist klar, dass es sich nicht um einvernehmlichen Sex handelt. Dass die Frau sich zwar nicht aktiv wehren kann wehrt, aber doch mehrmals hörbar sagt, dass die Dinge gegen ihren Willen geschehen.

Es wird häufig von der Gefahr gesprochen, dass Männer schnell zu Unrecht verurteilt werden können, wenn es keine eindeutigen Beweise gibt. Diese Angst verstehe ich, aber es impliziert, dass Frauen von vornherein dazu neigen, in diesem Fall zu ihrem eigenen Vorteil zu handeln und die Männer deshalb stärker geschützt werden müssen. Es soll hier gar nicht um die Geschlechterfrage gehen, aber doch sind es immer wieder Frauen, die verurteilt werden. Frauen zeigen sich in Musikvideos zu aufreizend. Frauen spielen mit den Männern, in dem sie ihre Sexualität einsetzen. Frauen müssen vermeiden, nachts alleine durch die Straßen zu gehen. Frauen sollten sich nicht zu weiblich kleiden, wenn sie ernst genommen werden wollen. Väter verbieten ihren Töchtern, bestimmte Kleidungsstücke zu tragen, Partner wollen nicht, dass andere Männer ihre Freundinnen anstarren und finden, dass sie dieses eine Top nur zuhause tragen sollte. Frauen verurteilen andere Frauen für wechselnde Affären. Und gibt es überhaupt etwas zwischen prüde und schlampig?
Hat irgendjemand schon mal Channing Tatum vorgeworfen, dass er sich zu billig gibt, weil er öffentlich von seiner Karriere als Stripper berichtet und mittlerweile zwei Filme zu dem Thema gedreht hat? Interessiert es irgendjemandem, wie tief ausgeschnitten Justin Biebers Shirts sind, oder dass die Boxershorts des Nachbarn zu sehen ist, weil seine Jeans fast unterm Hintern hängt?
Wo ist der Unterschied? Warum werden Frauen so viel häufiger sexualisiert als Männer? Was ist falsch daran, gerne eine Frau zu sein und dies auch zu zeigen? Nur weil ich schon mehrere Männer vor dir hatte, heißt das nicht, dass ich mich nur kurz ziere, oder mich unter Wert verkaufe. ICH bestimme über das, was ich will. ICH entscheide, wer mich wann wie berühren darf und nur ICH muss mich im Spiegel anschauen können.

Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen seine Würde zu nehmen.

Gelesen: Underground Economy – Sudhir Venkatesh

In dem Buch berichtet der Soziologe Sudhir Venkatesh über die Feldstudie, die er im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Universität von Chicago in den 90er Jahren betrieb. Dabei geht es um die Erforschung der sozialen Strukturen und Lebensbedingungen in den Sozialbaugebieten Chicagos.

Sein Weg führt ihn in die Robert Taylor Homes, die von einer Drogengang beherrscht werden. Sein Plan ist, mit ausgearbeiteten Fragen mehr über die sozialen Verhältnisse und Lebensweisen der Bewohner zu erfahren. Schnell merkt der junge Doktorand jedoch, dass er mit seinem Fragebogen und naiver Unschuld nicht weit kommen wird, da die dort lebenden Menschen Außenstehenden eher misstrauisch gegenüber eingestellt sind. Sudhir schafft es, sich mit J.T., dem jungen Anführer der dort herrschenden Drogengang „Black Kings“ anzufreunden und gewinnt dessen Vertrauen. Unter der Annahme, dass Sudhir seine Biografie schreibt, nimmt dieser ihn unter seine Fittiche und gewährt ihm Einblicke in das Leben im amerikanischen Ghetto und der Organisation einer mit Drogen handelnden Gang. Fast zehn Jahre besucht Sudhir regelmäßig die Robert Taylor Homes und gewinnt das Vertrauen vieler Bewohner. Er schließt Freundschaften und gewinnt Einblicke in das Leben der sozialschwachen Schicht Amerikas. Was als Feldstudie für seine Promotion begann, endet als spannende Reportage über ein Viertel in dem mehr als 90% der Bewohner von Sozialhilfe leben. Man erfährt etwas über die wirtschaftlichen und institutionellen Mechanismen, die vorherrschen, wenn eine Gemeinschaft von der Regierung und staatlichen Sicherheitskräften aufgegeben wurde. Zudem gibt sie Einblicke in die Arbeit einer lokalen Drogengang und deren Hierarchieaufbau.

Mir hat vor allem die Mischung aus sachlicher Betrachtung und gleichzeitiger Nähe zu den Bewohnern zugesagt, die der Autor in seinem Werk beschreibt. In einem illegalen Markt werden während der Tauschbeziehung keine rechtlichen Regelungen eingehalten. Die Teilnehmer müssen also ihre eigenen Mechanismen finden, um Regelungen und Verträge durchzusetzen.Natürlich kennt man Geschichten über Ghettos und die Gesetze von Drogengangs, aber dass ein Wissenschaftler sich so nah an seine „Quelle“ bewegt, ist auf jeden Fall bemerkenswert und bietet neue Eindrücke. Der Autor schafft es, dass man Mitgefühl mit einem Crack Dealer empfindet und trotzdem schockiert Passagen liest, in denen die Gewalt beschrieben wird, mit der die Gruppe über ihr Territorium herrscht. Besonders schlimm fand ich die Beschreibung des geduldeten Missbrauchs und des Todes zweier Kindern, die unabsichtlich in den Kampf zweier verfeindeter Gangs geraten sind.

Aufgrund einer Uni Arbeit, habe ich das Buch in der Hoffnung gelesen, mehr über die wirtschaftlichen Aspekte des Drogenhandels zu erfahren. Allerdings liegt der Fokus hier ganz klar auf den soziologischen Aspekten. Mich hat die Geschichte und Schreibweise jedoch so gefesselt, dass ich das Buch trotzdem beendet habe und dabei von den Geschichten und Schicksalen der verschiedenen Figuren gefesselt wurde. Man erfährt interessante Fakten und bekommt sehr persönliche und nahe Einblicke in eine Gesellschaftsform, mit der man im Alltag kaum bis keine Berührungspunkte hat. Enttäuschend ist für mich nur, dass Prof. Venkatesh es zwar schafft, eine detaillierte und sehr persönliche Geschichte über das Leben in einem amerikanischen Ghetto zu erzählen, gleichzeitig jedoch keinerlei neuen Ansätze für die Verbesserung der Lage macht. Er sieht sich selbst als eine Art stiller Beobachter und vermeidet es, bis auf ein paar Ausnahmen, in das Geschehen einzugreifen. Am Ende des Buches war es für mich deshalb unbefriedigend zu wissen, dass diese Menschen genauso weiterleben werden wie bisher. Mit Drogen, Prostitution, Unterdrückung, Korruption und Herrschaft durch Gewalt.

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Informationen zum Buch: Gebundene Ausgabe: 336 Seiten || Verlag: Econ (9. Oktober 2008) || ISBN-10: 3430200199 || Originaltitel: Gang Leader for a Day. A Rogue Sociologist Takes to the Streets

 

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